Redebeitrag über Schmerzen und Polizeigewalt – Gemeinschaftlicher Widerstand gegen G20-Prozesse, 28.11.2021

G20 geht nicht mehr aus dem Kopf.

Liebe Freundinnen, liebe Freunde, liebe Antifaschist*innen, liebe zufällig vorbeilaufende Menschen! Auch wir begrüßen den Aufruf zum gemeinschaftlichen Widerstand gegen die G20-Prozesse und schließen uns dem solidarischen Protest an. Wir möchten unsere Reflexionen zu den Folgen von Polizeigewalt bei Aktionen des zivilen Ungehorsams mit euch teilen. Wir wollen eine Form von Repression benennen, die leider noch oft runterfällt: die der körperlichen Gewalt, der körperlichen Verletzungen. In Reaktion auf eine Kopfverletzung eines Genossen während der G 20 Proteste und den Folgen im Nachklang, entstand ein persönlicher Erfahrungsbericht, den wir in Teilen wiedergeben wollen. Er schreibt:

G20 geht nicht mehr aus dem Kopf. „Seit 1095 Tagen habe ich Kopfschmerzen. Im Juli 2017 war ich bei der Aktion des zivilen Ungehorsams “Block G20” in Hamburg dabei. Ich hatte mit meiner Bezugsgruppe das Ziel, den Ablauf des G20 Gipfels zu stören und dafür versuchten wir in die gesperrte “rote Zone” einzudringen. Dies dauerte mehrere Stunden und glich einem Katz-und-Maus-Spiel. Immer wieder wurde die Gruppe von schlagfreudigen Einheiten der Polizei gestoppt. Jedes Mal erwischte es ein paar Wenige, – Platzwunden an Köpfen und andere Verletzungen nahmen wir wahr. Jedes Mal setzte die Gruppe ihren Weg fort in Richtung gesperrte Zone. Doch kurz vor Erreichen des Ziels erwischte es auch mich. Nach dem dumpfen Schlag auf meinen Kopf vernahm ich ein kurzes lautes Piepsen und schon stand ich blutüberströmt da. Ich blieb bei Bewusstsein und mir wurde schnell geholfen. Demo-Sanis, Rettungswagen, Notaufnahme. Die Verletzung tat zu Beginn nicht sehr weh und so ging ich am nächsten Tag sogar noch zur Großdemo „Grenzenlose Solidarität statt G20“. Nach ein paar Tagen stellten sich bei mir dauerhafte Kopfschmerzen ein. Als diese auch nach mehreren Wochen noch da waren, begann ich mir langsam Sorgen zu machen…”

Unser Mitstreiter beschreibt, was viele Menschen während der G20-Proteste erlebt haben. Vor, während und nach dem G20-Gipfel in Hamburg wurde viel über Polizeigewalt bei Demonstrationen und Blockadeaktionen gesprochen. Über die militärische Hochrüstung von Einsatzhundertschaften, über Beamte und Beamtinnen, die mit dem Schlagstock gezielt auf Köpfe schlugen und über SEK-Einsätze mit Maschinengewehren. Während der Proteste war es zu vielen Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstrierenden gekommen. Das hatte massive Verletzungen auf Seiten der Demonstrierenden zur Folge. Da wären die Paniksituationen auf der „WelcomeToHell“ Demo, die Auflösung eines Demozugs am Rondenbarg, bei dem Menschen mehrere Meter in die Tiefe fielen und mit offenen Brüchen liegen blieben, oder die zahlreichen Verletzten bei BlockG20. Die Polizei ließ es sich zudem nicht nehmen, die Verletzten in den Krankenhäusern einzuschüchtern und die medizinische Versorgung zu behindern. Die Aufbereitung des Geschehens während und nach dem G20 Gipfel zeigte, dass die viel thematisierte Polizeigewalt nicht juristisch aufgearbeitet wurde, während nun Genoss*innen wie Schwerverbecher*innen behandelt werden.

Aber diese Begegnungen mit dem Schlagstock und der Polizei sind nicht nur für einen Moment schmerzhaft und ärgerlich. Nein! Sie prägen unsere ganze Person. Das ist nicht nur eine kurzfristige gewaltvolle Strategie der Polizei – der Einsatz hat auch langfristige Folgen und schließt letztendlich immer wieder Aktivist*innen effektiv aus Bewegungen aus. Sei es durch die Folgeschäden der Gewalt oder die psychische Belastung, die sich beispielsweise durch Traumafolge- und Angststörungen zeigen können.

Klar ist auch, dass wir einen aktiveren Umgang mit dieser rechtlich legitimierten Gewalt finden müssen. Wir müssen über unsere Aktionsformen nachdenken und einen solidarischen Umgang mit den Folgen von Verletzungen aufbauen. Damit verhindern wir hoffentlich auch den Ausschluss direkt Betroffener aus der Bewegung. Denn was bedeutet dieser Schmerz für das Leben und die politische Arbeit? Unser Genosse erzählt weiter:

“Nach ein paar Tagen stellten sich bei mir dauerhafte Kopfschmerzen ein. Als diese auch nach mehreren Wochen noch da waren, begann ich mir langsam Sorgen zu machen… Es ist viel Zeit vergangen und seither war ich bei vielen Ärzt*innen und Therapeut*innen. Eine Behandlung, die mir die Schmerzen nimmt, wurde bis heute nicht gefunden. Die Krankenkasse wollte bald wissen, was in Hamburg passiert war und doch war mir klar, dass die Kasse nichts von der Aktion erfahren sollte. Bei der Behandlung der Folgeschäden wusste niemand genau, wie mit der Situation zu verfahren ist und ich war dem Gesundheitssystem ausgeliefert. Ich ging mit der Ursache meiner Verletzung in den Behandlungen meist offen um und erntete damit sehr unterschiedliche Reaktionen. Verständnis hatten dabei die Wenigsten. Seit 1095 Tagen habe ich Kopfschmerzen. Eine lange Zeit, die auch von Ohnmacht, Trauer und Wut geprägt war. Ohnmacht und Trauer verspüre ich, wenn die Schmerzen mich im Griff haben und ich merke, wie stark das meinen Alltag beeinflusst. Wut kommt hoch, wenn ich realisiere, dass ein Schlag auf den Kopf so erfolgreich sein kann. Der Schmerz zeigt mir tagtäglich was passiert, wenn ich mich nicht an die Spielregeln halte. Der Staat erzieht und diszipliniert uns gewalttätig. Ich spüre das konkret jeden Tag. „Wer nicht hören will, muss fühlen.“

Diese Erfahrung brachte uns als politische Gruppe dazu, körperliche Schmerzerfahrungen zu thematisieren, die doch zu oft im Privaten verschwinden. Als Bezugsgruppe, als politisches Umfeld wie auch als Freund*innen haben wir gelernt, die chronischen Schmerzen und die damit verbundene psychische Belastung unseres Genossen als Teil unserer politischen Praxis und Verantwortung zu verstehen. Wir wollen einen Gedankenanstoß geben, sich mit den physischen und psychischen Folgen von körperlicher Gewalt auf Aktionen auseinanderzusetzen. Wir wollen einen Austausch anregen, über die Strukturen, die wir als Linke für den Umgang mit den Auswirkungen dieser Gewalt geschaffen haben, und an welchen Stellen wir Lücken sehen.

Denn, das Risiko körperlicher Gewalt ist immanenter Bestandteil von zivilem Ungehorsam. Also! woran können wir uns orientieren??

Wir haben juristische Beratungen wie die Rote Hilfe und wir können nicht oft genug betonen: Auch wenn es einzelne trifft, – die Repression wird gemeinsam und solidarisch getragen!

Wir haben eine tolle Struktur mit “Out of Action” die den Umgang mit psychischen Verletzungen durch Aktionen und Repression aufarbeitet. Wir können das weiterentwickeln und damit körperliche Verletzungen oder gar längerfristige Folgen aus Aktionen thematisieren.

Wir haben Netzwerke wie den “Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte”, die “medinetz” Initiativen zur Unterstützung geflüchteter Menschen, und andere solidarische Strukturen aus verschiedenen Bereichen der Gesundheitsversorgung.

Ebenfalls haben wir Demosanis, die immer wieder eine klasse Erstversorgung leisten und die Ruhe in brenzligen Situationen bewahren.

Was wir noch brauchen wenn uns diese körperliche Gewalt trifft, ist eine Auseinandersetzung mit den alltäglichen Gesundheitsstrukturen: den Umgang mit der Krankenkasse, Ärzt*innen, der möglichen Berufsunfähigkeit, den Umgang mit dem Frust, der Trauer, der Wut und den Schmerzen die unser Freund beschrieben hat – wir brauchen Strukturen, die auffangen, unterstützen und die Situation bewältigen helfen.

Denn wenn Aktivist*innen bleibende Verletzungen auf Aktionen davontragen, muss unbedingt verhindert werden, dass das Problem zu einem privaten gemacht wird! Wenn wir auf Aktionen gehen, müssen wir auch darauf vorbereitet sein, dass wir uns längerfristig um Menschen kümmern können. Das bedeutet vor, während und nach einer Aktion: immer wieder nachfragen! Informationen austauschen! supporten! Raum schaffen, über belastende Erfahrungen zu sprechen.

Und wenn es zu massiver Polizeigewalt wie bei G20 in Hamburg kommt, müssen wir die Verletzungen der Menschen thematisieren und die Polizeigewalt zum politischen Thema machen. Auch unser Protest kann zahlreiche Formen der Solidarität mit sich tragen. Wir können den Schmerz dort sichtbar machen! Ein Beispiel dafür sind die Proteste in Chile, bei denen unzählige Menschen teilweise ihr Augenlicht verloren haben. Aus Solidarität verbanden sich die Protestierenden ein Auge und machten es zu einem Symbol der Polizeigewalt und Unterdrückung in Chile.

G20 geht nicht mehr aus dem Kopf. Auch die angeklagten Personen haben mit der starken Belastung zu kämpfen, die durch Justiz und Polizei ausgelöst werden. Das monatelange Erscheinen vor Gericht, die Ungewissheit um den Prozess, die Beeinträchtigung im Alltag in Ausbildung, Job und Familien- und Freund*innenkreisen – das ist eine harte emotionale und physische Belastung. Wir möchten euch hiermit unsere Solidarität aussprechen und viel Kraft für die kommende Zeit wünschen!

Wie viele von ihnen auch körperliche Schmerzen ertragen wissen wir nicht aber wir vermuten Schlimmes – so etwas geht an einem nicht spurlos vorbei. Damit appellieren wir an euch und an uns selbst – wir sollten auch körperlichen Schmerz als Teil der Repression anerkennen. So können wir uns aktiv unterstützen und nachhaltig körperliche Schmerzen behandeln. Danke! das ihr euch heute hier solidarisch zeigt. Danke! das ihr die Belastungen sichtbar macht. Unsere Solidarität – gegen ihre Repression!